Was würde Jesus tun?



Christlicher Glaube und Fremdenfeindlichkeit passen nicht zusammen.

Heute geht es ausnahmsweise nicht um Zuckerguss und Schokolade. Auslöser ist die wunderbare Sarah, deren lesenswerte Blogartikel sich immer wieder mit politischen Themen wie z.B. Naturschutz oder Lebensmittelsicherheit beschäftigen. Sara hat dazu aufgerufen, einen Artikel gegen Hass und Fremdenfeinlichkeit zu schreiben. Und dazu gibt es so einiges, was mir seit dem Beginn der Pegida-Demonstrationen durch den Kopf geht.

Ich bin sehr katholisch aufgewachsen. Die volle Dosis: Kommunionunterricht, jeden Sonntag Gottesdienst, 5 Jahre lang Messdienerdienst. In meiner katholischen Schule war die Klassenlehrerin in der Unterstufe eine Ordensschwester, die jeden Morgen mit uns gebetet hat. In der Oberstufe ließ sich der Religionsunterricht nicht abwählen. Und dieser letzte Punkt war ein großes Glück, denn in in den Klassen 12 und 13 ergründeten wir mit einer engagierten Lehrerin die Ursprünge des Christentums und versuchten einen neutralen, wissenschaftlichen Blick auf die Religion einzunehmen.

Später habe ich einige andere Länder und Kulturen besucht, die mir einen weiteren Blick "von aussen" auf den christlichen Glauben ermöglicht haben. Und ich bin ein paar Mal in Deutschland umgezogen. Dabei hat sich mir immer wieder ein Zusammenhang aufgedrängt: Dass christlicher Glaube und fremdenfeindliches Gedankengut manchmal gemeinsam auftreten. Nicht immer, aber in bestimmten Regionen und bei bestimmten Personen.

Dabei kann ich diese Verbrüderung von christlichen Werten und Fremdenfeindlichkeit aus den folgenden Gründen so gar nicht nachvollziehen.

1. Der Kern ist Nächstenliebe.



Ob Christ oder nicht: Jeder verbindet den Aufruf "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" mit Jesus Christus.

Nächstenliebe ist der Kern der christlichen Werte. Und Jesus bezog diese Aufforderung nicht nur auf Menschen derselben Hautfarbe und Religionszugehörigkeit - im Gegenteil. "Ich war ein Fremder, und ihr habt mich aufgenommen.", heisst es bei der Beschreibung des Weltgerichts (Mat 25,35). Die Menschen, die großherzig Fremde aufgenommen haben, erhalten als Lohn ewiges Leben. Die anderen dürfen in der Hölle schmoren.

Die Bilder von Himmel und Hölle sind für unseren heutigen Geschmack vielleicht etwas zu plakativ. Sie halfen aber zu Jesus´ Zeit, die eigentliche Botschaft in den Köpfen der Menschen zu verankern:
Jesus ruft dazu auf, Menschen zu helfen, die fremd sind. Daran lässt sich nicht rütteln.


2. Gelassen in die Zukunft blicken.



Ich glaube, jeder fühlt, dass es den Menschen in Westeuropa trotz der täglichen Sorgen und Nöte doch ziemlich gut geht. Natürlich sind Arbeitslosigkeit und Altersarmut ein Thema. Aber die allermeisten Menschen tauschen 40 Arbeitsstunden pro Woche ein gegen ausreichend Wohnraum, genügend Nahrung und Kleidung und meistens auch gegen einen gewissen Luxus wie ein Auto, einen Fernseher und Sommerurlaub. Und als Sahnehäubchen: Rechtsstaatlichkeit, hervorragende medizinische Versorgung und kostenlose Schulbildung.

Das ist in den allermeisten Ländern nicht der Fall. Und irgendwie wissen wir alle, dass das nicht ganz fair ist. Es ist nicht fair, dass jemand in Bangladesch 14 Stunden am Tag unter unmöglichen Bedingungen arbeiten muss, damit ich mir im Discounter ein Shirt für 5 Euro kaufen kann. Oder dass an der Elfenbeinküste Menschen an den Pestiziden in den Kaffeeplantagen ersticken, während ich mich nicht zwischen einem Caramel Machiato und einem Chocolate Mocha entscheiden kann.

Die Globalisierung zwingt die Menschen, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Sie löst die Grenzen zwischen Wohlstandsnationen und Armutsregionen sehr langsam auf. Und das diffuse Gefühl, deshalb irgendwann etwas vom eigenen Wohlstand abgeben zu müssen, kann beängstigend sein. Ich kann gut nachvollziehen, dass daraus Unsicherheit und Misstrauen gegenüber Einwanderung entsteht.

Es ist aber so, dass sich die Globalisierung nicht aufhalten lässt. Meiner Meinung nach wird es durchaus dazu kommen, dass der Wohlstand in den Industrienationen sinken wird. Aber das ist gar nicht schlimm.

Die wichtigsten Lehren von Jesus sind in der Bergpredigt festgehalten. Und dort sagt er etwas großartiges: "Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?" (Mat 6,25)
Bäm. Ist das mal nicht der ultimative Aufruf gegen Zukunftsängste? Macht euch keine Sorgen!, sagt Jesus da. Das, was man wirklich für ein erfülltes Leben braucht, lässt sich gar nicht an materiellem Besitz und Wohlstand festmachen. Es gibt Millionen von Menschen, die kein Auto besitzen und trotzdem glücklicher sind als ihr. Es gibt tausende von Menschen, die eine Yacht ihr eigen nennen und trotzdem kein erfülltes Leben haben. Gott sorgt dafür, dass ihr alles bekommt, was ihr zum Glücklichsein wirklich benötigt.

Als überzeugter Christ müsste man diese Worte zum Anlass nehmen, die Sorgen um den materiellen Wohlstand in den Wind zu schießen. Und seine Energie stattdessen für Aktionen einsetzen, die von Nächstenliebe angetrieben sind.

3. Die Instrumentalisierung von Religion



Ganz neutral betrachtet ist Religion eigentlich eine friedliche Angelegenheit. Jeder der Weltreligionen beinhaltet ähnliche Komponenten:

  • Handlungsanweisungen für ein harmonisches Zusammenleben in der Gesellschaft, z.B. durch das Verbot des Tötens und Stehlens und die Aufforderung zum Spenden
  • Angebote zur Stärkung der psychischen Ausgeglichenheit durch regelmäßige Rituale und ein Zusammensein in der Gruppe
  • Eine Aufforderung zum persönlichen Wachstum, indem der Gläubige sich immer wieder mit Fragen der Ethik auseinandersetzt.

Religion lässt sich aber im Lauf der Weltgeschichte ganz und gar nicht als "friedfertig" beschreiben. Im Gegenteil: Im Namen der Religion wurden immer wieder Kriege geführt, Menschen unterdrückt und Machtstrukturen aufgebaut. 

Nur: die religiösen Gründe sind immer vorgeschoben. Grund für kriegerische Auseinandersetzungen im größeren Ausmaß sind Interessen an Macht und wirtschaftlicher Überlegenheit. Aber um eine ganze Bevölkerung für eine Sache zu gewinnen, eignet sich nichts besser als Religion: Denn sie verbindet die Menschen, und mit ihrer Hilfe kann man an Pflichtgefühl, das schlechte Gewissen und die Angst vor einem jüngsten Gericht appellieren.

Und das ist eine große Unverschämtheit.

Es wird der Intention der Religionsstifter und dem eigentlichen Sinn der Religion nicht gerecht. Es instrumentalisiert die Religion und alle Gläubigen. Und deshalb sind meine Vorschläge für die Menschen, die christliche Werte ernst nehmen, die folgenden:

  1. Hör genau hin, wenn jemand christliche Anständigkeit vorgibt, um etwas zu rechtfertigen, was so gar nichts mit Glaube, Liebe und Hoffnung zu tun hat. Was ist das eigentliche Ziel dieser Person und der dahinterstehenden Gruppierung? 
  2. Stehe für die christlichen Werte ein. Sprich selbstbewusst über Nächstenliebe und Toleranz und zeige anderen, dass Fremdenfeindlichkeit und christlicher Glaube nicht zusammen passen.


Herzliche Grüße aus der Zuckerwerkstatt!


(Fotos von https://unsplash.com/)


9 Kommentare:

  1. Liebe Venda,

    da hast du wirklich einen wunderbaren Post verfasst. Du sprichst mir in vielen Dingen aus der Seele. Ich wünsch' dir ein schönes Wochenende!
    LG, Karin

    AntwortenLöschen
  2. danke für deinen Text, völlig unaufgeregt mal die wichtigsten Gedanken zum Thema nachgezeichnet, sehr gelungen.

    AntwortenLöschen
  3. Danke, Steffi! <3

    "Dass christlicher Glaube und fremdenfeindliches Gedankengut manchmal gemeinsam auftreten." - Das habe ich auch schon oft gedacht. Es ist seltsam, wie ein Wir-Gefühl (bei Religionen, Nationalitäten, etc.) immer in ein "Nur-Wir-Gefühl" abdriftet. Als müssten sich die Leute selbst irgendetwas beweisen.

    Liebe Grüße zu dir,
    Sarah

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Steffi,

    Sehr interessantes Post!

    Bei dieser Satz musste ich anhalten... "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" . Wenn diese Menschen die Fremdfenfeinlichkeit ausüben, ich frage mich ob sie sich selbst in wirklichkeit lieben. Das gilt für alle Menschen.

    Liebe Grüsse!

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Venda, ich finde es sehr wichtig, dass du darauf hingewiesen hast, dass alle Religionen im Prinzip einen gemeinsamen, guten Kern haben. Wieso wird das eigentlich so selten angesprochen? Ich komme ursprünglich aus einem Dorf, und da sind die gemeinsamen Veranstaltungen und Aktionen von Protestanten und Katholiken schon ein großer Fortschritt. Das war früher alles andere als selbstverständlich. Da wurde katholischen Kindern sogar manchmal verboten, mit evangelischen zu spielen, das muss man sich mal vorstellen! Aber wenn christliche Konfessionen inzwischen zusammenkommen können, dann kann man auch den nächsten Schritt machen und auf andere Religionen zugehen.
    Liebe Grüße,
    Tina

    AntwortenLöschen
  6. Ich bin zwar kein gläubiger Christ, aber dieser Jesus hatte echt in vielen Dingen recht!:)

    AntwortenLöschen
  7. Leider reicht manchmal ein Satz, um eine friedliche Botschaft zu kippen. Zum Beispiel
    "Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert." Matthäus 10.34
    Und alle Nächstenliebe - im Christentum wie im Islam - ist vergessen. Schließlich steht auch im Koran über jeder Sure: Bismillah ar-rahman ar-rahim. "Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes."
    Und nicht etwa was von "zornig und strafend" oder so.
    Religion ist das, was die Menschen draus machen - Paradies oder Hölle.

    AntwortenLöschen
  8. Wunderbar wahre Worte. Ach ich finde es immer etwas schade, dass man sich als gläubiger Christ vor anderen die das hinterfragen (was auch ihr gutes Recht ist) immer rechtfertigen zu müssen. Oft will ich mich in solche Diskussionen nicht einmischen, weil mir das irgendwann zu heikel wird, aber du hast das echt mit in den richtigen Worten auf den Punkt gebracht.

    AntwortenLöschen
  9. Hallo, Venda,
    Ich bezeichne mich Selbst als buddhistischen Christen. In keiner der mir bekannten Religionen wird im ursprünglichen Sinn Gewalt gepredigt, sondern Nächstenliebe und Toleranz.
    Die Wurzel allen Übels ist es nach meiner Meinung, dass mit den Ängsten der Menschen gespielt wird. Und diese Ängste und Sorgen sind es dann auch, die zur Gewalt führen. Und Gewalt wiederum löst immer auch Gegengewalt aus. So schaukeln sich dann die Krisen immer mehr hoch. Der Buddhismus lehrt uns, einen Schritt zurück zu gehen und den Menschen mit Wertschätzung zu begegnen.
    Dazu ist es hilfreich, nach innen zu gehen, sich selbst zu betrachten und sich auch mal in die Lage des Gegenüber zu versetzen.
    Die Frage nach dem Warum zu stellen, ist mir immer sehr hilfreich.
    Warum hat dieser Mensch jetzt angefangen zu schreien - was mag der Grund sein.
    Eine andere Herangehensweise ist es, die Situation nicht zu bewerten und statt dessen dem anderen zu sagen, wie wir uns fühlen.
    Wertschätzend mit dem anderen umzugehen, kann viele Probleme lösen.
    Danke für deinen wundervollen Text.
    Frank

    AntwortenLöschen

Ich freue mich auf deinen Kommentar!